Geschichte

Die Gründung des Laboratoriums für Anorganische Chemie unter Leitung von Alexander Gutbier1) im Jahre 1914 markiert den Beginn einer eigenständigen Entwicklung dieses Fachs an der Technischen Hochschule Stuttgart; sie wurde in der Folge weitergeführt unter Ernst Wilke-Dörfurt, dem weltweit bekannten Komplexchemiker Walter Hieber (1932 – 1935)2) und dem Oberflächenchemiker Robert Fricke (1935 – 1950).3)

Prof. Dr. Josef Goubeau Unter aktiver Mitwirkung von Studenten und Mitarbeitern erfolgte nach Kriegsende der Wiederaufbau des 1944 ausgebombten Gebäudes in der Schellingstraße 26 unweit des Hauptgebäudes der Universität im Stadtzentrum. Mit Josef Goubeau4) wurde 1951 eine herausragende Lehrer- und Forscherpersönlichkeit berufen. Seine viel beachteten Beiträge zur präparativen Chemie und vor allem seine weltweite Anerkennung als Raman-Spektroskopiker begründeten in den 50er Jahren den hervorragenden Ruf der Anorganischen Chemie in Stuttgart. Später erforderten die wissenschaftliche Entwicklung, zunehmende Studentenzahlen und die wachsende wirtschaftliche Bedeutung der Chemie zusätzliche Lehrstühle und Professuren. So lehrten aufeinanderfolgend der Analytiker Fritz Seel (1957 – 1960) und Heinz Krebs (1960 – 1974), unter dessen festkörperchemischen Arbeiten die Strukturaufklärung des Hittorfschen Phosphors5) besondere Erwähnung verdient, in Stuttgart. Auf Goubeau folgte 1969 der präparative Chemiker Eckhard Allenstein (bis 1985), und mit Berufung des Molekülchemikers Ekkehard Fluck (bis 1979) im selben Jahr war die Anorganische Chemie durch drei Lehrstühle sowie drei weitere Professuren repräsentiert. Eine adäquate Unterbringung brachte das Jahr 1973 mit dem Umzug in das neu errichtete Chemiegebäude Pfaffenwaldring 55 auf dem Campus in Stuttgart-Vaihingen.

Prof. Dr. Heinz Krebs Nach dem Tode von Krebs im Jahre 1974 wurde dessen Lehrstuhl für eine Wiederbesetzung nicht freigegeben — eine, wie sich im nachhinein zeigte, folgenschwere Entscheidung für die Entwicklung insbesondere der Materialwissenschaft an dieser Hochschule. Auf die beiden verbleibenden Lehrstühle wurden Gerd Becker (1982 – 2008; Anorganische Molekülchemie) und Wolfgang Kaim (seit 1987; Anorganische Komplexchemie) berufen. Zwar erfolgte mit der Berufung Hans-Jörg Deiseroths (1991) bzw. seines Nachfolgers Thomas Schleid (1996) mit erheblichem Aufwand die Wiedereinrichtung eines dritten Lehrstuhls "Anorganische Festkörperchemie", mit der Verabschiedung von Becker in den Ruhestand musste aber bereits 2008 wieder ein Lehrstuhl abgegeben werden. 

Aktuell wird die Anorganische Chemie an der Universität Stuttgart vertreten von:

In den fakultätseigenen Studiengängen werden Studierende der Studiengänge Chemie [Diplom (auslaufend), Bachelor, MasterLehramt], Lebensmittelchemie und Materialwissenschaft ausgebildet; ein beträchtlicher Anteil der Lehrkapazität des Instituts entfällt jedoch auf Lehrleistungen für Studiengänge anderer Fakultäten. So werden auf den jeweiligen Bedarf abgestimmte Experimentalvorlesungen und Praktika für die Studiengänge Physik und Technische Biologie einerseits sowie Umweltschutztechnik und Verfahrenstechnik andererseits angeboten. Eine gesonderte Experimentalvorlesung vermittelt chemisches Grundwissen an Studierende unterschiedlicher ingenieurwissenschaftlicher Fächer.

 

 

Anmerkungen:
1) G. F. Hüttig: Alexander Gutbier. Ein Nachruf. Z. angew. Chem. 1927, 40, 41.
2) R. E. Oesper: Walter Hieber. J. Chem. Educ. 1954, 31, 140 (Biographische Notiz); E. O. Fischer: In memoriam Walter Hieber 1895 – 1976. Chem. Ber. 1979, 112, XXI (Nachruf).

3) J. Goubeau: Der Lehrstuhl und das Laboratorium für Anorganische Chemie. In: Die Technische Hochschule Stuttgart 1954. Bericht zum 125jährigen Bestehen. Stuttgart 1954, S.43; F. Effenberger: Die Chemie an der Universität Stuttgart von den Anfängen bis zur Gegenwart. In: Wechselwirkungen. Jahrbuch aus Lehre und Forschung der Universität Stuttgart. 1986, S. 67; F. Effenberger: Geschichte der Fakultät Chemie. In: Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Universität Stuttgart (Hrsg.), Universität Stuttgart. Fakultät Chemie. Stuttgart 1998, S. 10; F. Effenberger: Stoffen und Strukturen auf der Spur. Chemie in Stuttgart — gestern und heute. In: N. Becker, U. Engler, U. Zitzler (Hrsgg.), Universität Stuttgart. Innovation ist Tradition. Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart, 2004, S. 64.

4) Ohne namentlich genannten Autor: In memoriam Josef Goubeau. Z. anorg. allg. Chem. 1991, 593, 7; G. Fritz: Joseph (sic!) Goubeau. Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften für 1991. Heidelberg 1992, S. 109; H. Mang, K. Dehnicke: In memoriam Josef Goubeau (1901 – 1990). Stationen aus dem Leben von Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Josef Goubeau. Z. Anorg. Allg. Chem. 2001, 627, 555.
5) H. Thurn, H. Krebs: Über Struktur und Eigenschaften der Halbmetalle. XXll. Die Kristallstruktur des Hittorfschen Phosphors. Acta Cryst. 1969, B25, 125.